Sicherheit braucht Fakten – keine Herkunfts-DNA

Neue mobile Zufahrtssperren sollen künftig für mehr Sicherheit bei Veranstaltungen in der Sinziger Innenstadt sorgen. (Foto: Ralf Urban)
Neue mobile Zufahrtssperren sollen künftig für mehr Sicherheit bei Veranstaltungen in der Sinziger Innenstadt sorgen. (Foto: Ralf Urban)

Mobile Zufahrtssperren schützen Menschen. Pauschale Herkunftserklärungen ersetzen Ursachenanalyse durch Vorurteile und geben rassistischen Denkmustern neue Nahrung.

Die Sinziger Gremien haben sich gemeinsam mit Bad Neuenahr-Ahrweiler und Remagen für die Beschaffung mobiler, zertifizierter Fahrzeugsperren beziehungsweise Zufahrtsschutzsysteme entschieden. Das ist gut und richtig. Denn wenn es um die Sicherheit unserer Stadt- und Weinfeste geht, sollte man sich möglichst auf Dinge konzentrieren, die tatsächlich etwas bewirken: Gefahren erkennen, Risiken bewerten und konkrete Schutzmaßnahmen umsetzen. Weniger hilfreich ist dagegen der Versuch, eine komplizierte Frage mit möglichst einfachen Herkunftserklärungen zu beantworten.

Der stellvertretende Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) im CDU-Kreisverband Ahrweiler Detlef Odenkirchen, der auch Vorsitzender des MIT-Bezirksverbands Koblenz-Montabaur (CDU) ist, spricht davon, „Ursachen statt Symptome“ zu bekämpfen. Dem kann man nur zustimmen. Wer Ursachen analysieren will, sollte allerdings tatsächlich analysieren – und nicht vorschnell Bevölkerungsgruppen in eine vermeintliche Täterkategorie einsortieren. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang Odenkirchens Aussage: „Es liegt nicht in unserer DNA, mit dem Pkw in Menschenmassen zu rasen.“ Man könnte darüber schmunzeln, wenn das Thema nicht so ernst wäre. Denn wer Gewalt über „DNA“ und Herkunft erklären möchte, hat keine Ursachenanalyse geliefert, sondern eine biologische Abkürzung genommen und gibt rechtsradikalen und rassistischen Denkmustern neue Nahrung. Das Problem dabei: Eine solche Erklärung hält einer ernsthaften Betrachtung nicht stand.

Wer aus der Herkunft von Menschen auf ihre mögliche Gewaltbereitschaft schließen möchte, müsste zunächst erklären, warum Gewalt und Terror auch von Menschen begangen werden, die genau die vermeintlich „richtige“ Herkunft besitzen. Ein Blick in die deutsche Geschichte genügt dafür. Beim rechtsextremen Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 wurden 13 Menschen getötet und 221 verletzt. Der Täter stammte aus der deutschen rechtsextremen Szene. Auch beim Amoklauf in Trier im Jahr 2020 handelte es sich nach den damaligen Ermittlungen um einen deutschen Staatsbürger ohne Migrationshintergrund. Das ist kein Gegenargument gegen eine sachliche Diskussion über Migration. Es ist ein Gegenargument gegen die Vorstellung, man könne Gewalt sinnvoll nach Herkunft sortieren.

Auch Sinzig selbst liefert genügend Beispiele dafür, warum pauschale Menschenbilder an der Realität vorbeigehen. Menschen mit Migrationsgeschichte sind ein wertvoller Teil unserer Stadtgesellschaft. Sie arbeiten hier, leben hier, engagieren sich hier und helfen hier. Der Merida e.V. ist dafür ebenso ein Beispiel wie die syrischen Männer, die sich nach der Flutkatastrophe über Monate hinweg unter schwierigsten Bedingungen ehrenamtlich als Fluthelfer engagierten. Wer Menschen mit solcher Biografie aufgrund ihrer Herkunft gedanklich in die Nähe von Gewalttätern rückt, produziert vor allem eines: Vorurteile und Rassismus. Mit Sicherheitsarbeit hat das wenig zu tun.

Unsere Stadtfeste brauchen deshalb beides: wirksamen Zufahrtsschutz und einen klaren Kopf. Mobile, zertifizierte Fahrzeugsperren können verhindern, dass Fahrzeuge in Menschenmengen gelangen. Sie können aber nicht verhindern, dass eine öffentliche Debatte selbst zur Einfallstelle für pauschale Vorurteile wird. Sicherheit entsteht durch Prävention, belastbare Gefahrenanalysen und konkrete Maßnahmen. Nicht durch die Suche nach einer vermeintlichen „DNA“ des Bösen. Das ist nicht nur sachlich geboten. Es ist auch das Mindeste, was man von einer verantwortungsvollen öffentlichen Debatte erwarten sollte.

Ralf Urban, Mitglied des Stadtrats in Sinzig (Bündnis 90/Die Grünen)