Zum fünften Jahrestag der Flutkatastrophe 2021 wurde erneut deutlich, dass beim Hochwasserschutz und bei der Gestaltung der Ahr weiterhin dringender Handlungsbedarf besteht. Wenn zukünftige Schäden und weitere Todesopfer verhindern werden sollen, muss die Bereitschaft sein, Veränderungen zuzulassen. Es liegt in der Natur des Menschen, Eingriffe in Vertrautes zunächst kritisch zu sehen. Dennoch dürfen notwendige Entscheidungen nicht aus Angst vor Veränderungen unterbleiben.
Die am 7. Mai 2026 vorgestellten Pläne zur Gewässerwiederherstellung eröffnen für Sinzig eine einmalige Chance. Durch die Verbreiterung der Ahr auf nahezu das Dreifache und die Befreiung des Flusses aus seinem im vergangenen Jahrhundert künstlich eingeengten Bett kann künftig ein hundertjährliches Hochwasser im Stadtgebiet weitgehend schadlos abfließen. Für den Abschnitt zwischen der Ehlinger Ley und dem Spessartsteg ist zusätzlich ein zweiter Flutkanal vorgesehen. Dadurch kann der bestehende Flusslauf dort schmaler ausgebaut werden, ohne die angestrebte Hochwassersicherheit zu beeinträchtigen. Auch in diesem Bereich wird künftig ein hundertjährliches Hochwasser sicher abgeführt werden können. Die Planung ist das Ergebnis eines mehrjährigen fachlichen Abstimmungsprozesses zwischen den beteiligten Ingenieurbüros, dem Landkreis als Genehmigungsbehörde und der Stadt Sinzig. Die Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und die Bürgerinitiative um Ingo Binnewerg und Hardy Rehmann haben frühzeitig auf die Potenziale für einen besseren Hochwasserschutz hingewiesen. Stadtverwaltung und Stadtrat haben den Planungsprozess kontinuierlich begleitet und die Zwischenergebnisse wiederholt beraten. Allen Beteiligten war bewusst, dass ein wirksamer Hochwasserschutz Veränderungen an den Ahrufern, den Rad- und Fußwegen sowie vorübergehende Eingriffe in den Baumbestand und die Vegetation des künftigen Flussbettes mit sich bringen wird.
Die Ratsmitglieder waren sich mehrheitlich dieser Konsequenzen sehr bewusst. Die Auswirkungen wurden auch in den Stadtratssitzungen am 7. Mai und am 18. Juni ausdrücklich thematisiert. Dem Verlust einzelner Bäume steht ein erhebliches ökologisches Entwicklungspotenzial gegenüber. Durch die Verbreiterung der Ahr entstehen neue Kiesbänke und naturnahe Lebensräume. Eine abwechslungsreiche Gestaltung des Niedrigwassergerinnes schafft wertvolle ökologische Nischen. Familienfreundliche Zugänge zur Ahr verbessern die Aufenthaltsqualität und lenken Besucherinnen und Besucher gezielt an geeignete Stellen, um sensible Bereiche zu schützen. Auch die Neubepflanzung bietet große Chancen: Erfahrungen aus der Flut 2021 und die Folgen des Klimawandels können bei der Auswahl geeigneter Baum- und Pflanzenarten berücksichtigt werden. So entsteht langfristig ein widerstandsfähiger und ökologisch wertvoller Auenraum. Ein wichtiger Erfolg der Beratungen ist zudem die Bereitschaft des Landesbetriebs Mobilität (LBM), sich für einen Neubau der Brücke Kölner Straße einzusetzen. Eine moderne Brückenkonstruktion kann den Wasserdurchfluss an dieser Engstelle zusätzlich verbessern. Voraussetzung hierfür war die Zustimmung des Stadtrates zur Verbreiterung der Ahr. Die Planung eines solchen Infrastrukturprojekts benötigt Zeit. Dem LBM bereits wenige Wochen nach dem Ratsbeschluss vom 7. Mai in der Presse vorzuwerfen, dass er noch keinen konkreten Zeitplan benennen kann, wird den tatsächlichen Planungsabläufen nicht gerecht. Vielmehr ist zu begrüßen, dass der LBM bereit ist, dieses wichtige Projekt gemeinsam mit der Stadt voranzubringen.
Für die Sinziger Grünen endet der Hochwasserschutz jedoch nicht mit den jetzt beschlossenen Maßnahmen. Die künftig sicher abführbaren Wassermengen liegen weiterhin deutlich unter denen der Flut von 2021. Deshalb haben die Sinziger Grünen mehrfach darauf hingewiesen, dass zusätzliche Maßnahmen geprüft werden sollten. Dazu gehören eine Schutzmauer am Grünen Weg, eine Anhebung der Radwege sowie die Nutzung des anfallenden Aushubs zum Bau von Hochwasserdeichen im Bereich Bodendorf nördlich der Ahr. Ob und in welcher Form diese Maßnahmen sinnvoll und umsetzbar sind, muss durch ein Fachbüro untersucht werden. Die Fraktion hat die Stadtverwaltung deshalb erneut aufgefordert, entsprechende Voruntersuchungen einzuleiten. Die Sinziger Grünen setzen sich dafür ein, Eingriffe in bestehende Gehölzstrukturen auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken. Wo Baumfällungen unvermeidbar sind, müssen sie durch hochwertige ökologische Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden. Dies betrifft unter anderem zahlreiche große Bäume entlang der Ahr, die aufgrund ihres Alters und erheblicher Fäulnisschäden bereits heute ein Verkehrssicherheitsrisiko darstellen und unabhängig von der Renaturierung hätten entfernt werden müssen.
Für die Sinziger Grünen ist deshalb klar: Der neue Ahrkorridor ist die bedeutendste Hochwasser- und Renaturierungsmaßnahme für Sinzig. Er verbessert den Schutz der Bevölkerung, stärkt die ökologische Qualität der Ahr und schafft neue Aufenthaltsräume für die Menschen in Sinzig. Dieses Projekt verdient Unterstützung und eine sachliche und faktenbasierte Information der Bürger unserer Stadt.
