Die Region stärken: Wolfgang Schlagwein referierte über Energiewende im Kreis

„Eine konsequente Energiepolitik muss auch den Städtebau und die regionale Entwicklung im Blick haben“, forderte Wolfgang Schlagwein, Energieexperte und Kreistagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, am Sonntag in Remagen. Schlagwein gab sich in einem Vortrag über die „Energiewende im Kreis Ahrweiler“ in der Gaststätte Casa Antonio Lopez überzeugt: „Der bloße Austausch konventionellen Stroms gegen erneuerbare Energien reicht nicht.“

Wäscheklammer statt Wäschetrockner: Wolfgang Schlagwein gab auch ganz praktische Tipps zur Energiewende.

Erneuerbare Energie ist in aller Munde. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima rückte selbst die schwarz-gelbe Bundesregierung von ihrer atomaren Energiepolitik ab, jedenfalls zeitweise. Auf lange Sicht soll erneuerbare Energie atomare und fossile Stromerzeugung ersetzen. Laut Bundesregierung ist der Weg dorthin im wahrsten Sinne des Wortes lang: Bei einem Besuch der Bundesnetzagentur stellte Kanzlerin Merkel jüngst fest, dass erst wenige hundert von 4.000 Kilometern Stromautobahn von den großen Offshore-Windparks im Norden nach Süddeutschland fertig gestellt wurden.

„Dabei verfehlt diese Diskussion das Thema einer echten Energiewende“, sagte Schlagwein in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Remagener Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hielt. Für ihn spielt die Bundesregierung in erster Linie auf Zeit – im Interesse der „großen Vier“ der deutschen Stromwirtschaft, E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW. „Allein RWE und E.ON speisen zurzeit 60 Prozent des Stromes ein. Der Anteil aller vier großen Energieriesen zusammen bei der Herstellung erneuerbarer Energien lag 2010 dagegen bei nur 6,5 Prozent. Sie haben die Entwicklung der Erneuerbaren unterschätzt und zu verhindern gesucht. Jetzt setzen sie gemeinsam mit der Regierung auf Zeitgewinn, um irgendwann die Erneuerbaren Energien in ihr zentralisiertes System hinein zu vergewaltigen.“

Schlagwein plädiert für eine regionale Lösung der Energiefrage. „Lediglich eine zentralisierte Lösung gegen eine andere auszutauschen verspielt viele Vorteile einer wirklichen Energiewende. So gehen heute Zweidrittel der Energie bei Erzeugung und Transport von Strom verloren. Eine zukunftsorientierte Energiepolitik produziert den Strom deshalb überwiegend vor Ort und nutzt die anfallende Wärme. Hier liegt die Chance für neue, lokale Akteure wie die Ahrtalwerke. Deshalb wäre die Gründung von Stadtwerken auch in den Nachbarkommunen Remagen, Sinzig oder der Grafschaft ein zentraler Baustein einer Energiewende. Die vier großen Energiekonzerne hätten dabei natürlich das Nachsehen: Aus der bisherigen Abhängigkeit würde mehr kommunale und regionale Autonomie – daran haben RWE, E.ON und Co. natürlich kein Interesse.“

Die Notwendigkeit für lokales Handeln und einen Fokus auf Infrastruktur sieht Schlagwein nicht nur bei der Erzeugung erneuerbarer Energien: „Es reicht nicht, bloß Windparks und Photovoltaik zu installieren. Wir brauchen einen grundlegenden Systemwechsel hin zu einer dezentralen Energieversorgung. Außerdem muss eine Energiewende weit über die Stromwirtschaft hinausgehen. So provoziert Stadtplanung bis heute dauerhafte Energieverschwendung. Riesige Einkaufszentren wie das geplante Factory Outlet Center in Grafschaft drängen etwa den Einzelhandel aus dem Wettbewerb und lassen ganze Innenstädte veröden, deren Bewohner wiederum mit dem Auto zum Einkaufen auf die grüne Wiese fahren müssen. Auch hier müssen lokale Strukturen gestärkt werden.“

Was dem Referenten zufolge überregionale Zusammenarbeit nicht ausschließt: „Es gibt gute regionale Leuchtturmprojekte, aber keinen Fahrplan und keine Route, die diese verbinden. Schon auf Kreisebene wäre es sinnvoll, gemeindeübergreifend nach den vernünftigsten Standorten für Windparks zu suchen und bei Planung, Investition und Betrieb in einem gemeinsamen kommunalen Unternehmen zusammenzuarbeiten.“ Neue Wege sieht Schlagwein auch für die Abfallwirtschaft: „Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises muss seine Biotonnen endlich als BioEnergietonnen verstehen und entsprechend nutzen.“

„Bei der Energiewende wird immer noch auf Zeit gespielt – Zeit, die wir nicht mehr haben“, schloss Schlagwein zum Schluss: „Dabei hält die Energiewende für den Kreis Ahrweiler auch wirtschaftliche Chancen bereit. Die sollten wir nutzen!“

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